In der Fremde

Drama, Spielfilm

Sohrab Shahid Saless: In der Fremde/Dar Ghorbat/Far From Home

Weltpremiere der 4K-Restaurierung am 29.06.2022, 16:30 Uhr, im Jolly Theatre, Il Cinema Ritrovato Bologna
[Erstaufführung war 1975 im Wettbewerb der Berlinale, Gewinner des FIPRESCI-Preises]

 

Was bedeutet es, in einem anderen Land zu leben?

Aus der Türkei kommt Husseyin nach West-Berlin, erklimmt die Treppen der U-Bahn-Stationen, unsicher und doch neugierig blickt er an den Hausfassaden entlang. Aber die neue Umgebung verachtet ihn, gibt ihm kein Zuhause zwischen monotoner Arbeit an einer Stanzpresse, Treppenhaus-Geschwätz und Alltagsrassismen.

Sohrab Shahid Saless‘ erster in Deutschland gedrehter Film gibt Einblick in den Zustand eines Menschen, der seine Heimat verlässt und dazu verdammt wird, ein Suchender zu bleiben. Der Film lässt ein gesellschaftliches Klima der BRD erspüren, dessen Nachwirkungen bis heute sichtbar sind.

Die PROVOBIS setzt sich für die Digitalisierung aller von ihr produzierten Filme von Sohrab Shahid Saless ein. Die Filmedition von Saless‘ Gesamtwerk geht auf eine Initiative der Filmhistorikerin und Kuratorin Vivien Buchhorn zurück und wird von ihr gemeinsam mit dem Goethe-Institut herausgegeben. Die Digitalisierung des Films IN DER FREMDE wurde finanziert durch das Förderprogramm Filmerbe von BKM, den Ländern und FFA.

Regie: Sohrab Shahid Saless
Drehbuch: Sohrab Shahid Saless, Helga Houzer
Kamera: Ramin Reza Molai

Neben Parviz Sayyad als Husseyin spielen u. a. Cihan Anasal, Muhammet Temizkan und Hüsamettin Kaya.

Eine deutsch-iranische Co-Produktion in deutscher und türkischer Sprache der PROVOBIS (Produzent: O. E. Kress) und Neue Film-Gruppe Teheran aus dem Jahr 1975.

Weitere Informationen zum Shahid Saless Archive finden Sie hier

Zitate

Benedikt Erenz, DIE ZEIT Nr. 3, 11. Januar 1985

„Nur wenige Kritiker erkannten die eigentliche Qualität des Films, das Exemplarische der Figur, deren Schicksal zur Chiffre wurde für einen im „Elend“ – ein Wort, das von „Ausland“ kommt.“

„Der Arbeiter Hussein [sic!] an seiner Akkordmaschine, die, monoton und lächerlich zugleich, den einundeinzigen Vorgang Hunderte Mal am Tag wiederholt, Hussein [sic!] auf dem Weg durch das immer noch zerstörte, sich immer weiter selbst zerstörende Berlin, einsam, weil des Deutschen unkundig, am Tisch in der Werkskantine, im Park, in der U-Bahn – das sind, eingefaßt, eingefroren in starre, erstarrte Bilder, Momente unerhörter Trauer und Müdigkeit. Zu müde, um noch zu weinen, fällt einem dazu ein, und: durchtrennte Nerven, abgetötetes Gefühl.“

„Kritische Gesellschaftsstudie im Stil des Neuen Realismus und filmische Meditation aus dem Geiste Ciorans über den „Nachteil, geboren zu sein“, über „die verfehlte Schöpfung“. Eine philosophische Atmosphäre, die schon die beiden ersten, noch in Persien gedrehten Filme beherrscht […]“

Lukas Stern, critic.de, 2016 – hier geht es zur Kritik

Man bewegt sich im Kreisgang, in Schleifen, in einem dauernden Hin und Zurück: Von der Maschine in die Wohnung, die man sich mit Kollegen teilt, wieder an die Maschine, wieder in die U-Bahn, wieder in die Wohnung. Das Vorwärtskommen – und darum geht es den hauptsächlich männlichen Migranten aus In der Fremde –, der eigentlich banale Wunsch nach Ehe, Haus und Familiennachzug, ist in erster Linie ein Austritt aus der Schleife, und dieser ist weniger mit melodramatischem Zement verspachtelt als durch ein simpel herzuleitendes, wenngleich nicht undramatisches Kommunikationsproblem verstellt.“

„Zu Hause lernt Husseyin die Sätze auswendig, mit denen er sich für den Balzspaziergang durch den Park bewaffnet, um sie dort, auf der Parkbank, nicht ohne Ironie, nochmal vom Zettel abzulesen, bevor er sie mit holpriger Betonung an die Dame aussendet, zu der er sich setzte und die ihn mit müder Gleichgültigkeit abweist. Husseyin, der auf die Parkbank zukommt, sie buchstäblich einmal umkreist, sich niedersetzt, verlässt die Szene wieder in die Richtung, aus der er kam – als Nächstes sieht man die Maschine. Wieder ist Husseyin eine Schleife gelaufen, wieder läuft das Gespräch ins Leere, weil die Wörter fehlen, oder schlimmer noch: die richtigen Wörter.“